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Foto aus einer Zeitung, wo Schüler auf einer Theaterbühne abgebildet sind.
Waldeckischen Landeszeitung - Frankenberger Zeitung vom 31.05.2014

Theater als Rückblende zum Film: Eine etwas andere Liebesgeschichte

„Das Leben ist nichts für Feiglinge“

„Später absenden“ ist die häufigste Wendung in der von Karl Eibl in Szene gesetzten Theaterproduktion von „Das Leben ist nichts für Feiglinge“ der Theatergruppe des Landesförderungszentrums Sehen, Schleswig.


VON ARMIN HENNIG

Korbach. Auf der Basis ihrer Erfahrungen und persönlichen Zugängen hatten die 20 Schüler im Alter von 15 bis 23 Jahren eine Bühnenfassung des Romans von Gernot Gricksch bzw. dessen Verfilmung entwickelt. Eine Live-Band begleitete die Songs, in denen die beiden Kims oder ein Chor die Stimmungslage auf den Punkt brachten.
Introduktion und Aufhänger ist die spektakuläre Aufholjagd des Kinofilms von 2013, in der Wotan Wilke Möhring als Kims Vater versucht, seine Tochter zu Fuß einzuholen, und am Ende beinahe von ihrem Freund Alex überfahren wird, der am Steuer des geklauten BMW sitzt. Die Antwort auf die Frage, wie konnte es dazu kommen, gaben 20 Spielszenen, bei denen Kim und Alex doppelt besetzt waren. Die beiden Kims laufen am Ende sogar ihrem Vater über den Weg, dem aber wieder nichts auffällt, wie schon zu Beginn, denn vor der Beerdigung seiner Frau gibt es zu viel zu bewältigen, um auch noch auf die Kommentare seiner Tochter einzugehen.
Goth-Girl Kim ist allerdings auch Weltmeisterin im Sammeln von schrägen Fakten, die sie zu jeder Unterhaltung beisteuert. Direkte Kommunikation gibt es nur mit der toten Mutti in Form von insgesamt 55 nie abgesandten SMS, die der Vater schließlich auf ihrem daheim gelassenen Handy findet, als er seine spurlos verschwundene Tochter anrufen will. Mit dieser Szene schließt sich ein Kreis, denn nun hat der Vater, dem seine Tochter während der Trauer vollkommen entglitten ist, die Chance, wieder Verbindung aufzunehmen.
Denn die erste Liebe zu dem Breakdancer Alex aus der Klasse drüber folgt unmittelbar auf den Verlust der Mutter. Für doppelten Stress sorgen die Nachstellungen ihres ebenso ungeliebten wie ungeschickten Mitschülers Franz, der von Alex ordentlich Haue kriegt, als er Kim anfasst.
Diese gewaltsame Aktion wirkt gewissermaßen als Katalysator, denn bis dahin hatten die beiden verliebten, aber auch sehr mit sich selbst beschäftigen Teens nur aneinander vorbeigeredet. Andererseits bringt die Anzeige wegen Körperverletzung den mehrfach vorbestraften Musiker und passionierten Autoknacker unter Druck. Kim flieht mit ihm per Anhalter im „Henry-Valentino-Mobil“ mit einem Nostalgiker am Steuer. Zeit zum Nachdenken nimmt sie sich erst später, etwa nach der gemeinsam verbrachten Nacht oder vor Alex’ Vorschlag, vom dänischen Ferienhaus weiter nach Finnland zu flüchten.
Innere Stimmen ergreifen im Für und Wider Partei, denn mit Alex ist so gut wie alles anders als erwartet. Letztendlich sorgt erst die noch einmal gezeigte spektakuläre Beinaheüberfahrung des eigenen Vaters für Klarheit. Nach der Heimkehr steht schon wieder Franz parat, dessen Geduld noch lange nicht erschöpft ist, auch wenn sie ihm keine Hoffnungen macht, die über einen gemeinsam verzehrten Cheeseburger hinausgehen.
Lebhafter Beifall und lautstarker Jubel waren der Lohn für die Darsteller und ihre eigenständige Sicht auf die etwas andere Liebesgeschichte.

(Scan des Original-Artikels)



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