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Die Schülerin Nariman Rashid sitzt vor ihrem Laptop. Ihr Beratungslehrer, Artjom Krichewskij (LFS) demonstriert Techniken im Umgang mit dem Laptop.
Kieler Nachrichten vom 19.01.2021

Wie die Technik hilft

Während sich im Lockdown viele Schüler mit dem Homeschooling herumquälen, hatten junge Menschen, die schlecht oder gar nicht sehen können, den Sprung ins digitale Lernen schon vor der Krise vollbracht. Selbst im Präsenzunterricht nutzen sie selbstverständlich Smartphone, Tabletcomputer oder Laptop.

 

Kiel, Schleswig

Längst vorbei die Zeit, als Schüler und Schülerinnen mit Sehbehinderung stets eine Lupenbrille oder einen Lupenstein bei sich hatten. Seit einigen Jahren nutzen sie in den höheren Klassen lieber digitale Endgeräte, damit können viel mehr als nur Texte vergrößern, sondern wandeln Schulbücher und Aufgaben in gesprochenes Wort um und vieles mehr.

 

Narin blickt nicht auf ihr Smartphone, sondern sie lauscht.

Narin Rashid (19) hat ein neues iPhone. Den Umgang damit übt sie täglich. „Das ist nicht so einfach für mich“, sagt sie. Denn Narin ist im sozialrechtlichen Sinne blind. Die Schülerin der Leif-Eriksson-Gemeinschaftsschule leidet an einer Netzhautablösung. Vor zwei Jahren konnte sie noch Gesichter erkennen, inzwischen nimmt sie nur noch Licht und Schatten wahr. Und trotzdem hat sie in kurzer Zeit gelernt, mit dem ganz normalen Smartphone zum Beispiel eine Whatsapp-Nachricht zu schreiben und zu versenden. Dabei orientiert sie sich nicht visuell, sondern auditiv.
Während sie auf dem iPhone herumtippt, sagt ihr das Gerät mittels Sprachausgabe genau, wo sie sich darauf befindet. Für das ungeschulte Ohr ist die Sprachgeschwindigkeit viel zu schnell, um etwas Sinnvolles herauszuhören, doch Narin hat sich daran gewöhnt. In Sekundenschnelle öffnet sie auf dem iPhone die richtige App, findet den Chat und diktiert dem Smartphone ihre Nachricht, dieses wandelt ihr gesprochenes Wort in Text um.

 

Narins Laptop hat eine Braillezeile

Die Nachricht, die Narin zur Demonstration an ihren Lehrer verschickt, kommt prompt auf dem Smartphone von Artjom Krichewskij an. Der Pädagoge ist Beratungslehrer am Landesförderzentrum Sehen (LFS) in Schleswig. Er hatte mit Narin die Einstellungen im Smartphone so angepasst, dass die Zehntklässlerin damit ohne fremde Hilfe zurechtkommt. Dafür muss sie die räumliche Struktur und die Bedienung ihres Smartphones genau kennen, denn sie orientiert sich ja blind.
Für die Schule benötigt sie natürlich noch ganz andere Hilfsmittel. Sie nutzt einen Laptop mit einer zusätzlichen Punktschrifttastatur, einer Braillezeile. Doch um sich in der digitalen Welt zu orientieren, helfen Punktschrift und Tastsinn nur eingeschränkt. Auch auf dem Laptop ist wieder der Hörsinn gefragt. Mittels Sprachausgabe werden ihr Texte und Aufgaben vorgelesen. Diese Möglichkeit ist relativ neu: „Erst seit etwa fünf Jahren sind die Schulbücher in digitaler Form für Blinde verfügbar“, sagt Ute Hölscher, stellvertretende Schulleiterin des LFS.

 

Mai hat ihre gesamten Schulunterlagen in einem iPad

Das war ein wichtiger Fortschritt, nicht nur für (fast) blinde Schüler wie Narin. Auch die 18-jährige Mai Günther profitiert von der Digitalisierung. Sie kann auf dem einen Auge gar nichts sehen und ist auf dem anderen Auge mit minus 14.5 Dioptrien stark kurzsichtig und trägt Kontaktlinsen. Die Zwölftklässlerin des beruflichen Gymnasiums am RBZ Wirtschaft hat das Gefühl, „ich stehe zwischen zwei Welten, die einen sind blind, da bin ich kein Teil von, die anderen sehen, dazu gehöre ich auch nicht. Daher habe ich meinen eigenen Weg gefunden“. Und der lautet: konsequentes Arbeiten mit dem Tablet-Computer.
All ihre Schulbücher, Arbeitsbögen, eigene Mitschriften und Ordner hat Mai auf ihrem iPad. Das nutzt sie wie eine Lupe und kann darauf alles lesen. Die digitalen Bücher bekommt Mai über das LFS, die Arbeitsbögen ihrer Lehrer lädt sie sich meist von der Online-Plattform der Schule herunter. Wenn sie Kopien oder Unterlagen nur in Papierform bekommt, kann Mai sie kaum lesen, daher scannt sie sie ein oder fotografiert sie ab, um sie auf dem Bildschirm zu vergrößern. „Mit Hilfe einer Bildbearbeitungsapp kann man schlecht lesbare Schrift nachschärfen oder sogar in Text umwandeln, so dass man sie sich auch vorlesen lassen kann“, berichtet Lehrer Krichewskij und Mai ergänzt: „Sogar meine grauenvolle Schrift kann ich so nachbessern oder in Druckschrift umwandeln.“

 

Für Sehbehinderte ist das Lesen auf dem Tablet oder PC viel leichter als auf Papier

Für Menschen, die schlecht sehen können, sei mit Tablet oder PC vieles einfacher, erklärt Krichewskij. Das Lesen werde erleichtert durch individuelle Vergrößerungsmöglichkeiten, durch Schriften mit scharfen Konturen und besseren Kontrasten als auf Papier. Auf Smartphones und Tablets lasse sich die Sprachausgabe oder Spracherkennung oftmals intuitiver als auf einem PC bedienen. Zudem seien viele Funktionen, die das Sehen betreffen, über Gesten anzusteuern. Dennoch müssten sich die Schülerinnen intensiv mit den mobilen Geräten auseinandersetzen, um Bedienung und Struktur zu erlernen.

 

Im Unterricht ist für blinde und sehbehinderte Schüler Multitasking angesagt

Und nicht nur diese Hürde haben sie zu nehmen. Narin berichtet, wie problematisch der inklusive Unterricht für sie ist. Während ihre Mitschüler die Matheaufgaben vor Augen haben, werden ihr die komplizierten Brüche und Gleichungen vorgesprochen. Im Fach Englisch hätten die anderen ihre verschiedenen Unterlagen, wie Buch und Collageblock, in Papierform auf dem Tisch liegen und könnten von der Tafel abschreiben, derweil muss sie zwischen den Anwendungen in ihrem Laptop hin- und herspringen.
Zeitgleich hat sie noch einen Kopfhörer in dem einen Ohr, um der Sprachausgabe ihres Computers zu lauschen, mit dem anderen Ohr verfolgt sie, was die Lehrerin erklärt, kann aber nicht sehen, was diese gerade an die Tafel schreibt. „Das ist sehr anstrengend, außerdem hakt der Computer häufig. Ich bin ein temperamentvoller Mensch, da raste ich schon mal aus, und dann kommen noch die Panikattacken dazu.“ Hilfe erfährt Narin immerhin durch eine Schulbegleitung.
Bei allen Nachteilen, die die Behinderung aber mit sich bringt, Mai und Narin sind wesentlich fortschrittlicher als ihre Mitschüler. Während die anderen noch analog lernen, sind Mai und Narin in ihren Klassen die einzigen, die bereits wissen, wie sie die digitale Technik voll für ihre Zwecke nutzen. Zurück in die analoge Zeit, zu Lupensteinen oder Büchern in Brailleschrift, das wollen beide auf keinen Fall.
vergrößern. „Mit Hilfe einer Bildbearbeitungsapp kann man schlecht lesbare Schrift nachschärfen oder sogar in Text umwandeln, so dass man sie sich auch vorlesen lassen kann“, berichtet Lehrer Krichewskij und Mai ergänzt: „Sogar meine grauenvolle Schrift kann ich so nachbessern oder in Druckschrift umwandeln.“
Für Sehbehinderte ist das Lesen auf dem Tablet oder PC viel leichter als auf Papier
Für Menschen, die schlecht sehen können, sei mit Tablet oder PC vieles einfacher, erklärt Krichewskij. Das Lesen werde erleichtert durch individuelle Vergrößerungsmöglichkeiten, durch Schriften mit scharfen Konturen und besseren Kontrasten als auf Papier. Auf Smartphones und Tablets lasse sich die Sprachausgabe oder Spracherkennung oftmals intuitiver als auf einem PC bedienen. Zudem seien viele Funktionen, die das Sehen betreffen, über Gesten anzusteuern. Dennoch müssten sich die Schülerinnen intensiv mit den mobilen Geräten auseinandersetzen, um Bedienung und Struktur zu erlernen.

 

Im Unterricht ist für blinde und sehbehinderte Schüler Multitasking angesagt

Und nicht nur diese Hürde haben sie zu nehmen. Narin berichtet, wie problematisch der inklusive Unterricht für sie ist. Während ihre Mitschüler die Matheaufgaben vor Augen haben, werden ihr die komplizierten Brüche und Gleichungen vorgesprochen. Im Fach Englisch hätten die anderen ihre verschiedenen Unterlagen, wie Buch und Collageblock, in Papierform auf dem Tisch liegen und könnten von der Tafel abschreiben, derweil muss sie zwischen den Anwendungen in ihrem Laptop hin- und herspringen.
Zeitgleich hat sie noch einen Kopfhörer in dem einen Ohr, um der Sprachausgabe ihres Computers zu lauschen, mit dem anderen Ohr verfolgt sie, was die Lehrerin erklärt, kann aber nicht sehen, was diese gerade an die Tafel schreibt. „Das ist sehr anstrengend, außerdem hakt der Computer häufig. Ich bin ein temperamentvoller Mensch, da raste ich schon mal aus, und dann kommen noch die Panikattacken dazu.“ Hilfe erfährt Narin immerhin durch eine Schulbegleitung.
Bei allen Nachteilen, die die Behinderung aber mit sich bringt, Mai und Narin sind wesentlich fortschrittlicher als ihre Mitschüler. Während die anderen noch analog lernen, sind Mai und Narin in ihren Klassen die einzigen, die bereits wissen, wie sie die digitale Technik voll für ihre Zwecke nutzen. Zurück in die analoge Zeit, zu Lupensteinen oder Büchern in Brailleschrift, das wollen beide auf keinen Fall.

 

Quelle:

Schwenke, Karen: Sehbehinderte Schüler in Schleswig-Holstein: Wie die Technik hilft, 2021, in: Kieler Nachrichten

 

Fotos: Frank Peter, Kieler Nachrichten



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