GermanEnglishDanishTurkishRussianArabicPolish


Beitrag vom 14.09.2011

Standing Ovations für die Aufführungen der „Geschichten, die das Leben schreibt“ in Düsseldorf

Am Mittwoch, den 14.09.2011 um 17:00 Uhr war es endlich so weit. Die 19 sehbehinderten und blinden Jugendlichen der Theatergruppe des LFS standen im Rahmen des bundesweiten Schultheaterfestivals „Schultheater der Länder“ als offizieller Vertreter Schleswig-Holsteins auf der Bühne des Jungen Schauspiels des Düsseldorfer Schauspielhauses.Eine ganz und gar nicht selbstverständliche Situation, denn Auftritte von Schülerinnen und Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf waren in diesem Festival bisher eher eine Seltenheit und Schleswig-Holstein wurde zum ersten Mal überhaupt von einem Förderzentrum vertreten.

Umso überwältigender waren die Freude und das Erstaunen bei allen Beteiligten über die durchweg positiven Reaktionen des Schüler- und theaterpädagogischen Fachpublikums. Die Eigenproduktion aus dem Bereich des Biografischen Theaters traf mit ihrer Offenheit und Wahrhaftigkeit der Spielerinnen und Spieler sofort den Nerv des Publikums. Ein nicht enden wollender Applaus belohnte die Gruppe für so manche Mühen und Aufregungen im Vorfeld der Aufführungen.

Der 1. Vorsitzende des Bundesverbandes Theater in Schulen BVTS, Dieter Linck sagte nach der Aufführung: „Das war eine der wundervollsten Schultheaterinszenierungen, die ich in meinem Leben gesehen habe.“

Stimmen zur Aufführung der LFS-Theatergruppe in Düsseldorf

Dieter Linck, 1. Vorsitzender des Bundesverbandes Theater in Schulen, BVTS:

„In der Aufführung des Landesförderzentrums Sehen aus Schleswig-Holstein konnte man miterleben, welche Kraft von ästhetischen Bildungsprozessen ausgeht, wenn sie kreativ und für die jeweilige Zielgruppe angemessen gestaltet werden. Hier wurde die Behinderung der jungendlichen Spielrinnen und Spieler weder versteckt noch herausgestellt, sondern sie war selbstverständlicher Bestandteil dieser höchst beeindruckenden Eigenproduktion. Das war eine der wundervollsten Schultheaterinszenierungen, die ich in meinen Leben gesehen habe.“

Birgit Günster, Theaterpädagogin und Regisseurin, Leiterin des Fachforums im Rahmen des Schultheaters der Länder 2011, in dem das Stück „Geschichten, die das Leben schreibt“ der Theatergruppe des Landesförderzentrums Sehen, Schleswig besprochen wurde:

„Die Produktion „Geschichten, die das Leben schreibt“ ist im wahrsten Sinne etwas ganz Besonderes. Und zwar weil sie die Besonderheit und Einzigartigkeit jedes Einzelnen in den Mittelpunkt stellt. Dabei steht nicht die Besonderheit bezogen auf die Behinderung der Spieler im Fokus, sondern die alltäglichen Geschichten und Themen, um die es sich dreht. Diese wurden witzig und berührend, nachdenklich und vor allem mit großer Bühnenpräsenz der Spieler auf die Bühne gebracht. Das eigene biografische Material wurde in Form von Szenen, Musik, Choreografie und Gesang präsentiert. Der Einsatz dieser theatralen Mittel und die ästhetische Bearbeitung des Stoffes machte dieses Theatererlebnis aus. Die Besonderheit der Spieler, bestand in ihrer Wahrhaftigkeit auf der Bühne, die sich unmittelbar auf das Publikum übertrug.

Im Rahmen des Fachforums wurde nochmals hervorgehoben, dass der Umgang und die Thematisierung der „Behinderung“ der Spieler weder in den Fokus, noch an den Rand gestellt wurden. Bestimmte Geschichten, wie ‚die erste eigene Wohnung‘ erhalten auf diesem Hintergrund vielleicht eine verstärkte Bedeutung oder auch die besonderen Geschichten die bestimmte Krankheiten mit sich bringen, doch berührt haben diese Geschichten nicht auf der Ebene der ‚Anteilnahme‘ beim Publikum, sondern weil sie theatral und ästhetisch spannend dargeboten wurden. Hier blieb die Szene ‚Selbsthilfegruppe der Kuscheltiere‘ vielen Zuschauern in Erinnerung.“

Maike Plath (Vorstandsmitglied des Bundesverbandes Theater in Schulen BVTS):

„Je tiefer der Mensch in seine persönlichste und geheimste Vorahnung hinabtaucht, desto mehr stellt er zu seinem Erstaunen fest, dass sie die am meisten anerkannte, öffentlichste und allgemein gültige ist.“ ( Ralph Waldo Emerson, „The American Scholar“, zur individuellen Stimme im Theater)

Aus dem Programmheft „Geschichten, die das Leben schreibt“:

„Neunzehn Schülerinnen und Schüler mit Sehbehinderung oder Blindheit aus nahezu allen Schulformen, die in Schlesweig Holstein angeboten werden, haben ihre Geschichten und persönlichen Erlebnisse aufgespürt, gesammelt und daraus ein Theaterstück in Form einer Szenenfolge entwickelt. Neben der Einzigartigkeit jeder Geschichte wurden dabei auch zentrale gemeinsame Themen deutlich.“

Beim diesjährigen Schultheater der Länder in Düsseldorf, das in diesem Jahr unter dem thematischen Schwerpunkt  „Biografie und Theater“ stand, wurde das Land Schleswig Holstein von Jugendlichen des Landesförderzentrums Sehen aus Schleswig (Spielleitung Karl Elbl) vertreten. Die Theaterproduktion dieser Gruppe war von einer Jury für den bundesweiten Schultheaterwettbewerb „Schultheater der Länder“ ausgewählt worden, weil sie sich in besonders gelungener Weise mit dem vorgegebenen Thema beschäftigte.

Unter der Leitung des Diplompädagogen und Theaterlehrers Karl Elbl hatten die Schüler an zwei Wochenenden und einer weiteren intensiven Proben-Woche eine siebenteilige Theater-Collage erarbeitet, die sie auf der Bühne des Jungen Schauspielhauses in Düsseldorf in mitreißender Weise präsentierten und damit das Publikum zu Ovations-Stürmen bewegten.

In den sieben Kapiteln ihrer Theaterproduktion erzählen die Jugendlichen von sich selbst. Thematisch kommt ihrer Behinderung dabei nur eine untergeordnete Rolle zu. Vielmehr zeigen sie einem ergriffenen Publikum auf einfache und theaterästhetisch professionelle Weise, worum es in ihrem (und unserem) Leben geht: Um Freundschaft, Enttäuschung, schwere Zeiten und wie man sie übersteht, um den Mut zur eigenen Entscheidung, auch gegen den Widerstand anderer, um Unfälle und Missgeschicke im täglichen Leben und um ihre besondere Situation als Behinderte.

Der Zuschauer, der sich auf eine bemühte Schulproduktion von behinderten Jugendlichen eingestellt hatte, bereit am Ende höflich und freundlich zu klatschen, musste schon nach wenigen Minuten beschämt feststellen, dass es hier keine Gruppe „unter Naturschutz“ zu besichtigen gab, sondern ganz im Gegenteil selbstbewusste, extrem präzise und professionell agierende junge Spieler, die eine überraschend humorvolle Distanz zu ihren Themen offenbarten. Und dies in einer Bandbreite an darstellerischen Ausdrucksformen, die den überraschten Zuschauer sprachlos machte: Von den Schülern live performte Musik am Marimba und am Keyboard, Gesang, Tanz, sowohl solistisch als auch in Gruppen-Choreografien und vielfältigste Darstellung auf der Bühne von chorischen Szenen über Interview mit der personifizierten „Enttäuschung“ in einer Fernseh-Show bis hin zur inszenierten Therapiesitzung der Kuscheltiere, die stellvertretend von den Problemen ihrer Besitzer erzählten.

So einfach und leicht die Szenen daherkamen, so deutlich wurde genau dadurch: Hier hatte eine Gruppe hart gearbeitet. Humor und Leichtigkeit auf der Bühne zu erzeugen ist bekanntlich eine der schwierigsten Herausforderungen von Theater und kann nur durch professionelle Arbeit am Detail erreicht werden. Hinter all dem konnte der beglückte Zuschauer den hochprofessionell angeleiteten Prozess erahnen, der dieser Vorstellung vorangegangen sein musste, die genaue Beschäftigung mit den ästhetischen Mitteln des Theaters und ihrer Wirkung und das feine Gespür für Timing und Dynamik auf der Bühne.

Dieser Gruppe gelang etwas, das vielen biografischen Schulproduktionen fehlt: Die Reise von der subjektiven zur objektiven Perspektive. Kein künstliches Bemühen um „spektakuläre Themen“ wie Drogen, Ghetto, Selbstmord und Missbrauch, sondern eine erfrischend selbstbewusste Konzentration auf das Alltägliche, auf das Echte, das Tatsächliche, auf das, was wir alle kennen: zum Beispiel: Die Hektik am Morgen, der Ärger über uns selbst, dass wir nicht besser organisiert sind, nicht früher aufgestanden sind, nicht aufgeräumt, geplant, vorbereitet haben, dass deswegen jetzt alles schief geht, wir nichts finden, den Bus verpassen und sich ein Missgeschick ans nächste reiht- und da kommt sie dann die Stimme: Warum packe ich meine Tasche nicht am Abend vorher? Das ist so klein- und genau darin so groß: In dieser kleinen Szene die alltägliche Verzweiflung an uns selbst: ich, das Individuum im Konflikt mit dieser komplizierten Welt da draußen.

Der Zuschauer lacht, er fühlt sich ertappt. Und so geht es ununterbrochen weiter: Hier hält eine Gruppe uns allen einen Spiegel vor. Hier geht es im Kleinen um das Große. Um das Allgemeingültige. Hier entsteht eine (Liebes-) Beziehung zwischen den Spielern und den Zuschauern. Das ist kein Zufall: Dieser Gruppe ist es gelungen, in der sehr persönlichen, subjektiven Geschichte das Öffentliche und allgemein Anerkannte zu entdecken und dafür eine Form zu finden. Dies ist die größte Herausforderung der biografischen Theaterarbeit. Von dieser Gruppe wurde sie spielend gemeistert.

In beiden Vorstellungen riss es sämtliche Zuschauer nach Verklingen des letzten Tons von den Sitzen. Das Festival-Publikum feierte die Gruppe aus Schleswig-Holstein in beiden Vorstellungen mit jubelnden Ovationen.

Rückmeldungen von Schülerinnen und Schülern, die die Aufführung gesehen haben, in Nachbesprechungen auf Plakaten festgehalten und später abgeschrieben:

1. Thema des Stückes, deine weiterführenden Gedanken dazu:

  • Gute und präzise Umsetzung
  • Mit einfachen Mitteln zu großem Erfolg
  • Weiter so!
  • Mehr Aufmerksamkeit für die Behinderungàmehr Fördermittel & Integration in Schulen
  • Großartige Leistung, weiter so
  • Danke für die übermittelte Spielfreude
  • Mehr Aufmerksamkeit für Behinderung/Mitmenschen
  • Mehr Akzeptanz und Hilfeleistungen statt Ignoranz
  • Lieber nichts sehen als weg sehen-> Das ist mein neues Motto geworden, durch euch!
  • Wir sollten eigentlich alle solch einen Mut beweisen wie ihr. Wir sollten uns so nehmen, wie wir sind und keine falsche Arroganz, Ehrgeiz o. Sonstiges entwickeln …
  • Das Leben ist so wertvoll, gerade wenn man mit dem Herzen statt mit den Augen sieht!

2. Welche theatralen Mittel sind dir aufgefallen?

  • Plüschtiere
  • Gesang
  • Die einzelnen Musikszenen zwischendurch
  • Sehr schöne Kostüme
  • Klar definierbare Requisiten
  • Musik: wunderbar
  • Gesang
  • Humor
  • Einfaches und doch flexibles Bühnenbild
  • Sehr viel szenisches Spiel mit coolem, selbstironischem Humor
  • Stimme aus dem Off
  • Föten im Bauch haben eine Stimme bekommen
  • Live Kamera
  • Kurze, witzige Sketche
  • Viele selbst gespielte Musikstücke, die wirklich sehr, sehr gut klangen
  • Lieder
  • Tanz
  • Tolle, witzige szenische Arbeit
  • Musik als Überleitung zu einzelnen Teilen

3. Welche Bilder/ Sätze/ Momente haben mir besonders gefallen?

  • Kompliment, Monstaa
  • Schlussszene Inklusion
  • Xylophon – Marimbaphon (hat jemand dazu geschrieben)
  • Ihr habt uns glücklich gemacht und ein echtes Lächeln auf die Lippen gezaubert!
  • Mir hat das komplette Stück sehr gut gefallen, besonders die Schlussszene. Kompliment, richtig gut!
  • Die vielen wunderbaren Lieder, die einen erstens total berührt haben, aber vor allem sehr glücklich gemacht haben. Man hatte Lust aufzustehen und zu tanzen.
  • I am what I am: der Mut, sich auf der Bühne darzustellen, zu zeigen, was man hat auch wenn der Lacher auf eigene Kosten geht … über sich selbst lachen, fröhlich sein! Toll!!
  • Die Bandszene (mit Messer Schreibmaschine etc.) – sehr amüsant
  • Wir fanden euer Stück wunderschön anzusehen. Wir hatten während des gesamten Stücks eine enorme Lust mitzumachen und fanden besonders die musikalischen Zwischenszenen sehr beeindruckend. Wir hoffen auf neue Stücke von euch und hoffentlich noch weitere Begegnungen mit euch!
  • Die Baby Szene – sehr lustig
  • Schöner Einsatz von Kuscheltieren
  • Sehr schöne Musik und musikalische Darbietung
  • „Lieber nichts sehen als weg sehen“
  • Eindeutig die Fitnessstudioszene!! Ich habe mich weggeschmissen vor Lachen! Und irgendwie ist es auch genau so + die „Alles geht schief“ Szene, super! Ihr habt geschafft, was viele nicht geschafft haben. Ihr habt beeindruckt und wart ehrlich und authentisch!
  • I am what I am
  • Die wunderschönen Stimmen! Lieber nichts sehen als weg sehen!
  • Das gesungene Lied der zwei Mädels v. Sportfreunde Stiller
  • Ihr habt`s einfach drauf, ein Riesen- Kompliment!
  • Das musikalische Talent und die lebensfrohe und liebevolle Spiel und Musizierweise der Teilnehmer
  • Viele haben geweint (auch ich), weil eure Spielweise einfach berührt hat!
  • Plüschtierselbsthilfegruppe
  • Die Stofftierszene, sehr gut, sich Gedanken gemacht zu haben, dass diese kleinen Dinge so wichtig sind!
  • Ein super Stück. Toll und beeindruckend anzusehen. Besonders die Super Gruppenszenen und die wunderschöne Musik/Gesang. Wahnsinnige Leistung!

Schultheater der Länder 2011



Nach oben